Ich bin Riccardo. Fotograf. Strassenbeobachter. Menschenanschauer. Und gelegentlich jemand, der mitten auf dem Trottoir stehen bleibt, weil irgendwo ein Schatten genau das macht, was er soll.
Das klingt jetzt vielleicht sehr poetisch. In Wahrheit sieht es meistens so aus: Ich laufe durch die Stadt, sehe etwas, bleibe abrupt stehen, schaue konzentriert in eine Richtung und andere Menschen denken vermutlich, ich hätte mein Velo verloren. Habe ich nicht. Meistens zumindest.
Die Kamera ist bei mir nicht einfach ein Werkzeug. Sie ist eher so etwas wie ein sehr teurer Vorwand, um genauer hinzuschauen. Auf Menschen. Auf Situationen. Auf kleine Szenen, die sonst einfach verschwinden würden. Ein Blick. Eine Geste. Ein Mantel im Wind. Zwei Personen, die aneinander vorbeigehen und für eine halbe Sekunde aussehen, als hätten sie in einem französischen Film mitgespielt.
Ich fotografiere gerne auf der Strasse, weil dort niemand auf mich wartet. Kein roter Teppich. Kein perfektes Licht. Kein Mensch sagt: «Riccardo, ich stelle mich jetzt genau hier hin und mache etwas unglaublich Interessantes.» Leider. Das wäre praktisch. Aber auch ziemlich langweilig.
Stattdessen passiert alles einfach. Viel zu schnell. Viel zu langsam. Oder genau dann, wenn ich gerade den Objektivdeckel suche, den ich natürlich nicht verloren habe, sondern nur sehr professionell an einem unbekannten Ort zwischengelagert habe.
Meine Fotografie ist eine Mischung aus Geduld, Zufall und der leisen Hoffnung, dass niemand genau in dem Moment vor die Kamera läuft, wenn endlich alles stimmt. Spoiler: Es läuft fast immer jemand davor. Manchmal ist genau das dann das bessere Bild. Manchmal auch nicht. Dann nenne ich es «Studie über urbane Bewegung» und tue so, als wäre es Absicht gewesen.
Ich mag Bilder, die nicht zu laut sind. Keine grosse Show. Keine dramatischen Explosionen. Kein Nebel, ausser er ist zufällig da und kostet nichts. Mich interessieren die kleinen Momente. Die echten. Die, bei denen man erst später merkt, dass sie etwas erzählen.
Street Photography ist für mich wie Angeln, nur ohne Fisch und mit besserem Kaffee. Man steht herum, wartet, beobachtet und hofft, dass etwas passiert. Und wenn endlich etwas passiert, war die Kamera natürlich gerade auf ISO irgendwas eingestellt, weil man fünf Minuten vorher noch in einer dunklen Gasse war. Auch das gehört dazu. Nennt man Erfahrung. Oder Demut.
Ich glaube nicht, dass gute Fotos immer perfekt sein müssen. Manchmal darf ein Bild rau sein. Schräg. Unaufgeräumt. Ein bisschen wie das echte Leben. Perfekte Bilder gibt es genug. Ich suche lieber Bilder, die hängen bleiben. Nicht, weil sie schreien, sondern weil sie flüstern: «Schau nochmals hin.»
Natürlich gibt es auch Tage, an denen ich zwei Stunden unterwegs bin und am Ende nur ein Foto von einer Taube habe, die mich beurteilt. Auch das ist Fotografie. Nicht jede Expedition endet mit einem Meisterwerk. Manche enden mit kaltem Kaffee und der Erkenntnis, dass Tauben ein erstaunlich gutes Selbstbewusstsein haben.
Ich fotografiere, weil ich neugierig bin. Weil Menschen spannend sind. Weil Städte nie stillstehen. Und weil ich glaube, dass zwischen Alltag und Chaos oft die besten Geschichten liegen. Man muss sie nur sehen. Oder wenigstens so tun, als hätte man sie gesehen, bis das Bild entwickelt ist.
Diese Website ist übrigens noch im Aufbau. Falls hier also noch etwas komisch aussieht, war das selbstverständlich eine bewusste gestalterische Entscheidung. Minimalismus. Reduktion. Künstlerische Offenheit.
Bis dahin schaue ich weiter. Durch die Kamera. Über die Brille. Manchmal auch etwas skeptisch. Aber immer mit Freude an diesem seltsamen, schönen, unberechenbaren Theater da draussen.
Und wenn du mich irgendwo auf der Strasse siehst, wie ich scheinbar grundlos auf eine Wand starre: Keine Sorge. Ich arbeite. Wahrscheinlich.